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Steter Tropfen höhlt – und keiner soll es wissen

Die IVS Wien hat es in der Pressekonferenz im Mai öffentlich gemacht. Seit 10 Jahren werden die Realkosten der Träger in der Begleitung und Betreuung von Menschen mit Behinderungen nicht gedeckt. Die Realkosten der Träger liegen um 10% über der Entwicklung der Kostensätze. BALANCE ist auch angesichts dieser Schere immer bestrebt, keine Personalstunden abzubauen, also MitarbeiterInnen aus Einsparungsgründen zu kündigen. Weil es direkte Auswirkungen auf die Unterstützung hätte, die Menschen mit Behinderungen notwendig für ihr Leben brauchen. Bisher haben wir das auch geschafft. Die Wirkungen der Unterdeckung sind jedoch nicht zu übersehen. Seit etwa 10 Jahren hat BALANCE nicht mehr nennenswert in die Infrastruktur investiert. Das ist den Wohneinrichtungen und Tagesstruktureinrichtungen auch anzusehen. Es wird nur das Allernötigste getan. Sanitärräume, Böden, allgemeine Wohn- oder Aufenthaltsbereiche, technische Ausstattung für die Haushaltung – all das sieht zum Teil schon nicht mehr so gut aus. Es nagt der Zahn der Zeit.

Einsparungswirkung beim Personal gibt es dennoch, auch ohne Personalkündigung. Offene Personalstellen werden später besetzt, Dienste werden unterbesetzt. Die UN-Konvention verlangt Leistungen, welche die Teilhabe der Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ermöglicht. Die relativen Personaleinsparungen verhindern das oder sie führen zur Arbeitsverdichtung auf dem Rücken der MitarbeiterInnen. Oder die Qualität einer Leistung ist nicht zu halten. Eine Person zur ÄrztIn zu begleiten oder nur mit einem Infoblatt dorthin zu schicken ist ein bedeutender Unterschied. Mit Infoblatt kann die Person nicht unterstützt werden, als PatientIn mit notwendigem Respekt und der notwendigen Aufmerksamkeit wahrgenommen und letztendlich behandelt zu werden. Manchmal stellen sich die Fragen sehr zugespitzt: Hemd und Socken einkaufen gehen oder Duschen? BetreuerInnen stehen zunehmend mehr in zum Teil beschämenden Verhandlungen mit den NutzerInnen über die Ressource Zeit. Wofür reicht die Betreuungszeit und was soll oder muss weggelassen werden. Die Wirkung ist, dass durch die Unterfinanzierung die Möglichkeiten weiter abgeschnitten werden, dass Menschen mit Behinderungen Teilhabe erkunden, ausprobieren, anstreben. Sie werden tendenziell wieder stärker gezwungen, in Einrichtungen oder in der Welt der Betreuung für sich und unter sich zu bleiben. Es ist eine Fortführung der Verletzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen. Dass ein Betreuungsmodell Teilbetreuung heißt, sagt noch nichts darüber aus, ob Chancen für die Person bestehen, eine Brücke zur Teilhabe in der Gemeinde zu finden. Dafür braucht sie Unterstützung, bei schwererer Behinderung regelmäßige, umfassende und ideenreiche Unterstützung. Wenn dafür seit 10 Jahren immer weniger Zeit zur Verfügung steht und diese schleichende Aushöhlung zu einer offenen und stärker forcierten werden soll, dann verlagert sich die Auseinandersetzung weg von der Diskussion von Teilhaberechten zu nicht mehr für möglich gehaltene Entwicklungen zurück in bloße Grundversorgung. Erinnert sehr an warm-satt-sauber. Da wollen wir und da wollen die Menschen mit Behinderungen ganz sicher nicht hin. Die nächste Herausforderung ist das Erwachsenenschutzgesetz, das zu neuen Aufträgen und Aufgaben in der Betreuung führen wird. Die menschenrechtliche und damit politische Herausforderung heißt Teilhabebudget. Wer geht diese eigentlich an?

Politik und FSW können sich weiter die Augen reiben mit ihren wohl nicht ernst gemeinten Ansagen, wir könnten MitarbeiterInnen im Bereich der Verwaltung einsparen und Eigenkapital flüssig machen. Die Personalstundenausstattung der Verwaltung hat mit den gewachsenen gesetzlichen Anforderungen, dem Ausbau der Betreuungsleistungen und den administrativen Anforderungen des FSW in den letzten 10 Jahren bei BALANCE ebenfalls nicht Schritt gehalten. Hier haben wir ebenfalls relativ eingespart. Und die Legende vom Eigenkapital gemeinnütziger Organisationen in Wien kann ohnehin nur als makabrer medialer Scherz aufgefasst werden.

Andrej Rubarth
Fachstelle Wohnen
BALANCE

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