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Junge Menschen mit Behinderung in Pflegeheimen

Ein Zeitungsartikel im Kurier vom 05.08.2013: der ärztliche Direktor eines Pflegeheimes des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) präsentiert einen „Patienten". Es handelt sich jedoch, wie man sieht, gar nicht um einen kranken Menschen, sondern um Herrn T.: ein 41 jähriger Mann, der sich gut artikulieren kann mit leichter intellektueller Behinderung. Er lebt seit 2012 auf einer geriatrischen Pflegestation. Herr T. wurde aufgenommen, weil Menschen die vom Fonds Soziales Wien (FSW) zugewiesen werden, vom KAV nicht abgelehnt werden können. Herr T. ist, wie sich zeigen sollte, kein Einzelfall aber offenbar ein Anlassfall. Via Kurierartikel wird nämlich auch bekanntgegeben, dass in zwei neuen KAV-Pflegeheimen demnächst eigene „Stationen für Menschen mit Behinderung" geschaffen werden sollten.

Im Klartext: anstatt „fehlplatzierten" Menschen durch professionelles Case Management einen Zugang zu für sie individuell passenden Unterstützungsangeboten zu ermöglichen, sollen zukünftig in geriatrischen Krankenhäusern wieder separate Behindertenstationen eröffnet werden? Eine Reise in längst vergangene Zeiten? UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen? De-institutionalisierung? Nie davon gehört?

Was folgte, war eine kritische Presseaussendung der IVS-Wien, dem folgten Artikel auf Bizeps.at und ein weiterer Artikel im Kurier vom 28.09.2013, in dem die grundsätzlichen Einwände thematisiert wurden. Daraufhin hat die zuständige Stadträtin Sonja Wehsely beschlossen, eine ExpertInnenrunde unter Leitung des Dachverbandes der Wiener Sozialeinrichtungen einzusetzen. Diesem Gremium gehören Betroffene wie Bizeps und die gesetzliche Interessenvertretung von Menschen mit Behinerung (IV), VertreterInnen des KAV (TU4), VertreterInnen des FSW (aus Behindertenhilfe und dem Pflegebereich), der Volksanwaltschaft und der MA 24 (Sozialplanung) sowie des Dachverbandes sowie VertreterInnen von Trägerorganisationen an. Ziel: Eine adäquates Wohnangebot für Menschen mit Behinderungen unter 60 Jahren in Wien sicherzustellen.

Es folgten intensive und sachliche Diskussionen im Arbeitskreis und eine Begutachtung durch das Casemanagement des FSW. Es wurden 308 Menschen mit Behinderung, die jünger als 60 Jahre sind und in Pflegeheimen des KAV leben, erhoben; das sind fast 8 % der BewohnerIinnen im KAV! Und: 50 dieser betroffenen Menschen mit Behinderung artikulierten bereits in einem ersten Gespräch, dass sie sofort woanders leben wollen. Für diese Gruppe werden zurzeit im Auftrag des FSW neue Angebote im Bereich der Betreuung von Menschen mit Behinderung geschaffen. Da bei vielen schwerstbeeinträchtigten, u.a. nonverbalen, Menschen mit Behinderung, in Pflegeheimen nur der/die SachwalterIn zur Wohnsituation befragt wurde, soll ein weiteres Re-Assessment durchgeführt werden, bei dem auch der Wille der betroffenen Menschen selbst erhoben wird. Ein effektives Schnittstellenmanagement zwischen KAV und FSW soll zudem in Zukunft gewährleisten, dass junge Menschen mit Behinderung nach Notaufnahmen im KAV rasch geeignetere Angebote im Bereich der Behindertenhilfe beanspruchen können. Diese Maßnahme findet aktuell auch positive Erwähnung im Bericht der Volksanwaltschaft an das Parlament, siehe dort 2014, Band II, Seite 31.

Die Arbeitsgruppe wird im Juni 2015 ein weiteres mal zusammentreten. Soweit der Plan. Also nur positive Nachrichten? Nein, denn die zwei Behindertenstationen wurden natürlich dennoch errichtet. Denn, „da könnt ja a jeder kommen." Die beiden betreffenden Stationen erweisen sich zurzeit jedoch als einigermaßen durchlässig, auch deshalb, weil die Leitung vor Ort diese Durchlässigkeit spürbar unterstützt.

Und Herr T.?
Herr T. wohnt längst in seiner eigenen Wohnung.
Die mobile Betreuung gewährleistet eine Organisation, die Mitglied der IVS Wien ist. Zur Zufriedenheit des Klienten und auch das soll gesagt werden: zu einem Bruchteil der Kosten eines medikalisierten Pflegeplatzes.

Marion Ondricek
Geschäftsführung Balance

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